Führung wird vergeben wie eine Beförderung und behandelt wie ein Nebenjob. Ich hatte neun Dinge gleichzeitig auf dem Tisch, und Führung war das, was dazwischen passiert ist. Über eine Aufgabe, für die alle Zeit fordern und niemand welche freiräumt.
Abrechnung. Azubis. Recruiting. Prozesse. Veränderungen begleiten. Die Standorte. Coachen. Meetings. Und dazwischen das, was man Feuerwehr nennt.
Das war meine Woche. Führung stand da nirgends drin. Führung war das, was passiert ist, wenn zwischen zwei Terminen jemand in der Tür stand.
Und weißt du, was das Verrückte ist? Ich habe das jahrelang für völlig normal gehalten.
Es ist auch normal. Das ist ja das Problem.
Erste Frage: Was genau wäre denn gute Führung?
Diese Frage kommt in jedem zweiten Beitrag über Führung vor. Es folgen dann meistens fünf Punkte, die niemand bestreitet.
Da sein. Zuhören. Orientierung geben. Wissen, woran deine Leute arbeiten und wie es ihnen damit geht. Nicht laufen lassen.
Stimmt alles. Ich könnte dem nicht widersprechen, und du vermutlich auch nicht.
Und jetzt die Frage, die in diesen Beiträgen nie steht:
Wann?
Nicht rhetorisch gemeint. Ich hätte es damals wirklich wissen wollen. Zwischen der Abrechnung und dem Vorstellungsgespräch? Nach dem Standortbesuch, kurz vor der Betriebsversammlung? Sag es mir. Ich schreibe es mir auf.
Für gute Führung braucht niemand ein Seminar.
Sie braucht einen freien Donnerstagnachmittag. Und den hat keiner.
Wie man in diesem Land Führungskraft wird
Nicht, weil jemand führen kann.
Sondern weil jemand fachlich gut ist und man ihn sonst verliert.
Einer ist der beste Sachbearbeiter im Team. Einer kennt die Anlage besser als alle anderen. Einer ist seit zwölf Jahren da und will endlich weiterkommen.
Also gibt man ihm ein Team.
Im Grunde eine Gehaltserhöhung mit Personalverantwortung als Beipackzettel.
Und dann passiert das, was immer passiert: Die fachlichen Aufgaben bleiben. Alle.
Ich habe in knapp fünfzehn Jahren HR viele Stellenbeschreibungen gelesen, in denen Führung als Aufgabe stand.
Weißt du, wie viele ich gelesen habe, in denen stand, was dafür wegfällt?
Stell dir vor, jemand bekommt zusätzlich die Lohnabrechnung übertragen. Einfach so, ab Montag.
Was ist die erste Frage, die er stellt?
Genau. Und was wäre die Antwort?
Bei der Lohnabrechnung bekäme er eine. Da würde jemand rechnen, umverteilen, jemanden einarbeiten. Bei Führung sagt keiner etwas.
Bei Führung nickt man.
Und dann wird Kontrolle daraus
Was macht ein Mensch, der zu wenig Zeit hat? Er greift nach dem, was schnell geht.
Einen Zwischenstand abfragen: zwei Minuten. Jemanden entwickeln: ein halbes Jahr.
Nachfragen ist sofort erledigt. Vertrauen siehst du erst nach einem Jahr — und selbst dann weißt du nicht sicher, ob es daran lag.
Rate mal, wofür man sich entscheidet, wenn der Kalender voll ist.
Ich habe an anderer Stelle über Präsenzpflicht und Kontrolle geschrieben und dort gesagt, Kontrolle sei die schnellste Antwort auf Unsicherheit. Das stimmt. Es ist nur nicht die ganze Geschichte.
Kontrolle ist nicht immer Misstrauen. Manchmal ist sie einfach das, was übrig bleibt, wenn die Zeit fehlt.
Für den, der kontrolliert wird, macht das keinen Unterschied. Es fühlt sich exakt gleich an, ob dir jemand nicht traut oder ob er nur keine vierzig Minuten hat.
Aber die Ursache ist eine andere. Und wer die Ursache verwechselt, behandelt das Falsche.
Man schickt eine überlastete Führungskraft ins Seminar „Vertrauensvolle Zusammenarbeit". Zwei Tage. Sehr gute Bewertungen. Danach ändert sich nichts.
Warum wohl?
Sie hat kein Haltungsproblem. Sie hat einen vollen Kalender.
Und jetzt bitte auch noch strategisch
Der Satz, der gerade auf jeder Bühne fällt: HR muss endlich das Geschäft verstehen. Nicht mehr nur nett sein und Sommerfeste organisieren, sondern Zahlen lesen, mitdenken, an dem Tisch sitzen, an dem entschieden wird.
Ich finde das richtig. Ich sage es selbst seit Jahren.
Eine einzige Frage habe ich dazu.
Wovon abgezogen?
Im Publikum sitzen Leute, die am selben Nachmittag noch drei Kündigungsfristen prüfen, zwei Azubis einteilen, eine Abrechnung fertig machen und nebenbei den Anruf entgegennehmen, dass in einem Standort seit zwei Wochen niemand mehr miteinander spricht.
Und die sollen abends noch das Geschäftsmodell durchdringen. Am besten mit einem Fachbuch auf dem Schoß.
Strategie ist keine Haltung. Strategie ist ein Termin, der im Kalender steht.
Wer strategisch arbeiten soll, aber operativ voll ausgelastet ist, wird nicht strategisch.
Er wird müde.
Der Teil, der mir selbst nicht gefällt
Hier könnte ich aufhören. Wäre auch angenehm: Die Struktur ist schuld, die Geschäftsführung ist schuld, alle sind schuld — und ich habe es ja versucht.
Nur stimmt das nicht ganz.
Ich habe Aufgaben behalten, die ich hätte abgeben können. Nicht, weil es niemanden gab, der sie hätte machen können. Sondern weil ich sie konnte, weil sie schnell gingen und weil sie sich gut anfühlten.
Und jetzt kommt der Grund, den ich lange nicht sehen wollte:
Eine Abrechnung ist irgendwann fertig.
Ein Mitarbeitergespräch ist nie fertig.
Das eine gibt dir am Abend das Gefühl, etwas geschafft zu haben. Das andere entlässt dich mit dem Gefühl, dass du beim nächsten Mal weiterreden musst.
Wonach greifst du, wenn dein Tag voll ist und du um halb sieben noch am Schreibtisch sitzt?
Eben.
Das ist menschlich. Und es ist trotzdem eine Entscheidung.
Drei Fragen, die ich heute stellen würde
Was fällt weg? Wenn dir eine Führungsrolle angeboten wird, stell diese Frage, bevor du Ja sagst. Meistens kommt keine Antwort — aber die Frage verändert das Gespräch, und du weißt danach, woran du bist.
Steht Führung in meinem Kalender? Klingt lächerlich banal. Ist aber der Unterschied zwischen einer Aufgabe und einem guten Vorsatz. Alles, was keinen Termin hat, verliert gegen alles, was einen hat. Jedes Mal.
Was mache ich hier eigentlich aus Gewohnheit? Nicht alles, was du schnell erledigst, musst du erledigen. Manches machst du, weil es sich besser anfühlt als das Gespräch, das eigentlich anstünde. Du weißt vermutlich sofort, welches gemeint ist.
Wer Führung als Zusatz vergibt, bekommt Führung als Zusatz.
Und wundert sich später über Fluktuation. Über Krankheitstage. Über Teams, die niemand mehr zusammenhält.
Dann werden Umfragen gemacht. Dann werden Programme aufgesetzt. Dann steht jemand vor der Belegschaft und spricht über Kultur.
Dabei war es nie eine Kulturfrage.
Es war eine Kalenderfrage.
Führung ist keine Frage der Haltung. Sie ist eine Frage der Zeit — und Zeit ist das Einzige, was bei einer Beförderung nie mitgeliefert wird.
— Miriam
Eine Frage habe ich noch, und diesmal an dich.
Wenn du führst: Wie viel Zeit steht dafür in deinem Kalender? Nicht gefühlt oder geschätzt, sondern wirklich...
Schreib mir gern, was dabei rauskommt. Ich lese alles, was auf meinen Newsletter zurückkommt, und die ehrlichsten Antworten sind die, die mich am weitesten bringen.